Der Frosch im Kochtopf


Das ist ein Vorabdruck aus dem Kapitel 1 – „Puzzlesteine einer Systemkrise“ – von Anja Kossik und Karl Hitschmann aus folgendem Werk:

Die sozioökonomische Transformation
Springer Gabler, 2021

Vervielfältigt mit Genehmigung von Springer Gabler. Die finale authentifizierte Version ist online verfügbar unter: https://www.springer.com/de/book/9783662629499

Es gibt da eine nette Geschichte über Frösche. In diesem Gleichnis wirft ein alter Mann einen Frosch, den er vor seiner Hütte gefunden hatte, in einen Topf mit kochendem Wasser. Der Frosch springt, wie man es von einem Tier mit einem normal ausgeprägten Fluchtreflex erwarten würde, natürlich sofort aus dem Topf und macht sich aus dem Staub. Nächster Tag, neuer Frosch. Diesmal ist das Wasser noch nicht aufgestellt und so findet sich das nächste Tier in einem Topf mit lauwarmem Wasser wieder. Der alte Mann macht Feuer und stellt erstaunt fest, dass dieser Frosch einfach sitzen bleibt, während das Wasser langsam aber stetig wärmer und wärmer wird. Selbst als das Wasser zu kochen beginnt, unternimmt der Frosch keinen Versuch, sich aus der misslichen Lage zu retten und der alte Mann freut sich letztendlich über eine köstliche Froschsuppe.

Wir wollen hier jetzt nicht von unerlaubten Tierversuchen mit Amphibien berichten, und rein naturwissenschaftlich betrachtet, ist die unter dem Namen „Boiling Frog Syndrome“ bekannt gewordene und in Beraterkreisen unglaublich beliebte Story natürlich völliger Humbug. Wir wollen vielmehr eine Parabel bemühen, die wir dem irischen Wirtschafts- und Sozialphilosophen Charles Handy verdanken. Handy, Bestsellerautor unzähliger Managementbücher und weltweit anerkannter Experte für Organisationsstrukturen publizierte dieses Gleichnis bereits im Jahr 1989 in seinem Buch „The Age of Unreason“. (Handy, 1989)

Was ist die Moral von der Geschicht‘? Werden wir schockartig mit bedrohlichen Umständen konfrontiert, dann sind wir in der Lage, die Gefahr zu erkennen, sie richtig einzuschätzen, um dann adäquat auf derartige Situationen zu reagieren. Passieren Veränderungen jedoch graduell und über längere Zeiträume hinweg, dann tritt so etwas wie ein Gewöhnungseffekt ein. Wir können nicht erkennen, dass das, was um uns herum passiert überhaupt nicht mehr normal, sondern vielmehr überaus kritisch und existenzbedrohend ist. Wir sind nicht mehr in der Lage, unser Umfeld korrekt zu bewerten, weil sich eine gewisse Form der Desensibilisierung eingestellt hat. Unsere gesunden Reflexe wurden ausgeschaltet und am Ende des Tages bekommen wir dafür die Rechnung serviert. Wir sind zu Froschsuppe geworden.

Nachdem wir hier aber keine Kochanleitung für französische Gourmetgerichte, sondern doch lieber ein Buch über Wirtschaft, Gesellschaft und die sich darin bewegenden Organisationen schreiben

wollen, sind wir natürlich bislang noch schuldig geblieben, welche Relevanz diese Anekdote für unsere weiteren Gedankengänge hat. Wir haben in unserem beruflichen, aber auch privaten Umfeld schon längere Zeit bemerkt, dass uns bei bestimmten von einer großen Mehrheit der Bevölkerung als völlig normal bewerteten sozioökonomischen Strukturen, Rahmenbedingungen, Konventionen, Mustern, Glaubenssätzen, Normen und Werten ein gewisses Unbehagen überkommt. Viele Dinge werden unwidersprochen hingenommen, weil sie „einfach so sind“ oder aber schleichend so geworden sind. Doch es gibt auch diejenigen, die wie wir finden: da ist doch irgendetwas faul. Das fühlt sich manchmal an, wie eine chronische Magenverstimmung. Unser Bauch sagt uns ganz unverblümt, dass das Wasser, in dem wir alle sitzen, bereits ungemütliche Temperaturen angenommen hat und dass es an der Zeit wäre, schleunigst den Kochtopf zu verlassen. Und wenn wir als Berater in unserem Job über die Jahre irgendetwas gelernt haben, dann ist es, dass wir unserer Intuition vertrauen können und dass auf unser Bauchgefühl immer Verlass ist. Weil wir hier aber schlecht ohne eine passende Begründung nur über unsere Gefühle schreiben können, haben wir uns auf die Suche nach stichhaltigen und praktischen Beweisen gemacht, um unsere Intuition auch mit Fakten zu untermauern. Wir haben aus unseren unzähligen Begegnungen mit Menschen, Organisa- tionen und Institutionen verschiedene Puzzleteile zusammengetragen, die zusammengesetzt ein recht gutes Bild davon ergeben, dass unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem bereits mitten drinnen ist in einer dramatischen und grundlegenden Veränderungswelle. Und diese Veränderungs- welle wird von vielen entweder noch gar nicht bemerkt oder bislang erfolgreich ausgeblendet. Wasser. Frosch. Froschsuppe.

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